Top of this page
Skip navigation, go straight to the content

Mündige Patienten gesucht

"In Deutschland sind die Patienten überwiegend uninformiert", hat sich erst kürzlich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa beschwert. Vor dem Kauf einer Waschmaschine lasse man sich ausgiebig beraten - doch über Unterschiede bei Therapien und Ärzten wüssten die Leute zu wenig Bescheid.

"Shared Decision-Making" (SDM) lautet das Schlagwort, wenn es um den mündigen, informierten, in allen ihn betreffenden medizinischen Belangen mitbestimmenden Patienten geht. Doch laut einer jüngst veröffentlichten Studie fühlen sich die wenigsten in der Rolle als Partner ihres Arztes wohl (Ann Fam Med 4 [2006] 54-62).

Hiernach engagiert sich nur rund jeder fünfte Patient in der Entscheidungsfindung. Etwa 40 Prozent simulieren eine entsprechende Haltung. Und 57 Prozent werten ihre subjektiven Erfahrungen mit SDM als negativ. Fazit: SDM sieht gut aus, fühlt sich aber oft nicht gut an.

"Viele Patienten wollen sich gerne von Ärzten führen lassen."
"Hier lauern sicherlich Schwierigkeiten", räumt Prof. Georg Juckel, Ärztlicher Direktor des Westfälischen Zentrums Bochum, Klinikum der Ruhr-Universität, ein. "Viele Patienten wollen sich weiterhin gerne von Ärzten führen und leiten lassen. In solchen Fällen könnte SDM Betroffene überfordern." Andererseits würden die wenigsten Patienten den autoritären Kommunikationsstil von Ärzten früherer Generationen heutzutage noch akzeptieren.

"Die Entscheidung zu einer Behandlung kann nur zusammen mit dem Patienten getroffen werden."
"Wichtig ist vor allem, dass die Patienten das Gefühl haben, umfassend informiert zu sein und genügend Zeit zu haben, sich in Ruhe zu entscheiden", rät Juckel. Ärzte sollten ihren Patienten gegenüber die Rolle des Arztes neu definieren. "Heutige Ärzte verstehen sich als Service-Dienstleister, die bestimmte Optionen nach bestem Wissen und Gewissen gemäß moderner Einsichten und Leitlinien vorschlagen. Sie begründen das Für und Wider. Doch die Entscheidung zu einer bestimmten Untersuchung, Operation oder Behandlung kann nur zusammen mit dem Patienten und seiner Familie getroffen werden", betont der Experte.

Was aber tun, wenn Patienten dieses Spiel partout nicht mitspielen wollen? "Hier hilft nur das behutsame Gespräch unter Hinzuziehung von Angehörigen und Freunden", meint Juckel. Sofern man als Arzt alle Gründe und Argumente dargelegt habe, bleibe die Letztverantwortung beim Patienten. "Man kann vorschlagen, eine Zweitmeinung einzuholen. Aber ein Stück weit fällt es in die Eigenverantwortung des Patienten, eine Entscheidung zu treffen - oder eben nicht."

Haben Sie Fragen zu diesem Thema oder wünschen Sie Informationen zu unseren Produkten?
Klicken Sie hier
 

Zur Artikelübersicht